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In seinem Diavortrag "Guayana – Land der tausend Flüsse“ berichtete unser Referent Hans Günther Breidohr von Land und Leuten, aber in erster Linie von dem, was für uns Aquarianer noch interessanter ist – von dem, was sich während der zweiwöchigen Reise mit Netz und Kescher aus dem Wasser holen ließ.

Guyana, früher Britisch Guyana, liegt an der Nordküste Südamerikas zwischen Venezuela, Brasilien und Surinam. Das Land ist in etwa halb so groß wie Deutschland, beherbergt dabei jedoch noch nicht einmal eine Million Einwohner. Es ist ein Schmelztiegel unterschiedlicher Völker und Kulturen. Man trifft auf Indianer, Nachfahren afroamerikanischer Sklaven und viele andere, insbesondere Inder und Pakistani. Gesprochen wird Englisch oder Kreol, eine Mischung aus Englisch und afrikanischen Dialekten.

 

 
 Ausgangspunkt Georgetown
 
 
Unser Referent hatte mit seinem Team die Hauptstadt Georgetown als Ausgangspunkt gewählt. Bereits hier konnte man leicht in den vielen Kanälen und Wasserläufen auf verschiedene Vertreter der lebendgebärenden Zahnkarpfen, wie beispielsweise (Micro-) Poecilia picta, stoßen.

Der Versuch, einen Mietwagen zu chartern, war erst nach einer Woche erfolgreich. Kfz wollte man nur an Profis vermieten. Die Einheimischen wussten, warum – das Team erfuhr es kurze Zeit später.

„Das, was auf den Karten als Straßen eingezeichnet war, erwies sich als Wunschtraum.“

So war man in den ersten Tagen auf die Minitaxis angewiesen, um die Gewässer der näheren Umgebung zu erforschen. Man fing Buntbarsche der Gattungen Crenicichla und Apistogramma, Harnischwelse der Gattung Rineloricaria sowie diverse Salmlerarten, wie den Schwanzstrichsalmler, Hemmigrammus unilineatus, oder verschiedene Schlanksalmler. Mehrere dieser Arten (Nannostomus harrisoni, N. marginatus und N. beckfordi) kommen im gleichen Biotop vor!

Ein Trip führte zum Essequibo, doch dieser Fluss erwies sich als zu mächtig, so dass man alternativ einen nahen Urwaldbach erkundete. Auch hier erbeutete man Crenicichla, daneben auch den mit einem imposanten Gebiss ausgestatteten, bis zu 25 cm groß werdenden Blauen Raubsalmler, Erythrinus erythrinus.

H.G. Breidohr empfahl potentiellen Haltern dieser Art, das Becken sehr gut abzudecken: Er selbst hatte drei Tiere verloren, die sich auf Wanderschaft begeben hatten.

Ein Creek in der Nähe des Flugplatzes erwies sich als hervorragender Fangplatz. Mit Hilfe eines 10 m langen Zugnetzes haben H.G. Breidohr und sein Reisegefährte Uwe Werner, bekannt durch viele Publikationen und uns insbesondere auf Grund seines Vortrages vor einigen Monaten, dieses Gewässer systematisch untersuchen können.

So gelangen beeindruckende Aufnahmen der Hunds- oder Hechtkopfsalmer der Gattung Acestrorhynchus. Diese bis 30 cm groß werdenden Karnivoren (Fleischfresser, also Raubsalmler) sind ebenfalls mit einem furchterregenden Gebiss ausgestattet. Während in der Literatur Einzelhaltung empfohlen wird, wurden diese Tiere stets in Gruppen gefangen. Die Vermutung liegt nahe, dass sie im „Rudel“ jagen. Daneben fing man Buntbarsche, wie das Reusenmaul, Acaronia nassa oder Heros cf. notatus, ein naher Verwandter des bekannten Augenfleckbuntbarsches, H. severus, sowie Welse der Gattung Pimelodus. Auch ein Messerfisch und Nanderbarsche gingen ins Netz. Bei letzteren handelte es sich um Schomburgks Vielstachler, Polycentrus punctatus, einer empfehlenswerten Art, die allerdings zwingend Lebendfutter benötigt. Auch der Kleine Raubsalmler, Crenuchus spilurus, ein Brutpflege treibender Höhlenlaicher und der Glänzender Zwergbuntbarsch, Nanacara anomala, konnten nachgewiesen werden.

Wir erfuhren, dass es auch in Guayana Brandrodungen gibt, doch - so versicherte uns H. G. Breidohr - handelt es sich hier um Ausnahmeerscheinungen. In der Regel wird der Regenwald pfleglich behandelt. Er hatte den Eindruck, dass mit Ressourcen der Natur sorgsam umgegangen wird.

Endlich war es dann so weit. Man war im Besitz eines Mietwagens, eines Pick-up. Und dann kam es, wie es kommen musste: Auf dem Rückweg eine Tour, noch 100 km unbefestigter Strasse vor sich, hatte das Team einen „Platten“ – und als Ersatz nur ein Notrad zur Verfügung! Wenn man den Worten des Referenten, der auch als Fahrer vom Dienst tätig war, Glauben schenken darf, war die Fahrt “eine reine Freude”: Linksverkehr, Pferde tauchten überraschend auf der Straße auf und nahezu jedes entgegenkommende Fahrzeug blendete aufgrund falsch eingestellter Scheinwerfer. Doch von solchen Kleinigkeiten lassen sich echte Forscher nicht unterkriegen.

Die nächste Exkursion brachte wieder Arten der Gattungen Crenicichla und Rineloricaria vor die Linse, sowie die Teufelsangel, Satanoperca jurupari. Der bis 30 cm groß werdende Buntbarsch ist insbesondere auf Grund seiner Brutpflege interessant. Die Tiere wechseln vom Substratlaicher zum Maulbrüter, laichen in der Regel auf einem Stein ab und nehmen die Eier erst nach etwa 24 Stunden ins Maul. Man fing den Schlüssellochbuntbarsch, Cleithracara maronii, Flaggenbuntbarsche (eine der mittlerweile um die zehn Arten der Gattung Mesonauta), Kugelfische, Schilderwelse der Gattung Farlowella und vieles mehr.

Und dann sahen wir wieder den Pick-up, der im Schlamm stecken geblieben war. Bei diesen Bildern erhielt der Begriff „Spurrillen“ eine völlig neue Bedeutung. Selbst mit einem Geländefahrzeug erschien das „Befahren“ dieser „Strassen“ als echtes Abenteuer. Glück im Unglück war dann, dass das einzige Fahrzeug, das den Globetrottern an diesem Tage begegnete, ausgerechnet zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle war, um die Karre buchstäblich aus dem Dreck zu ziehen.

In der Nähe von Letthem konnte man die bekannte Rotaugen-Moenkhausia, Moenkhausia sanctaefilomenae, fangen, ferner eine der in Guayana vorkommenden Corydoras-Arten, Leporinus und Garnelen. Im Grenzfluss zu Brasilien ließ sich Cichla ocellaris erbeuten. Der bis 80 cm groß werdende Cichlide soll nach Aussage von H. G. Breidohr gut in Becken von 2.000 bis 3000 Litern gepflegt werden können „...aber sein Fleisch ist schmackhaft“. Auch der Zweitupfensalmer, Exodon paradoxus, sowie der Wimpelpiranha, Catoprion mento, gingen ins Netz und – bekannt aus Film und Fernsehen – der Piranha, Serrasalmus nattereri, dessen schlechter Ruf als maßlos übertrieben gelten muss. Trotzdem empfahl der Referent zu Recht, gefangene Tiere schnell aus dem Kescher zu nehmen und zwar von hinten!

Letztlich wollte man noch den Mazaruni aufsuchen. Leider gab es die auf der Karte eingezeichnete Strasse in der Realität nicht, und nur mit Hilfe eines hochmotorisierten Aluminiumbootes konnte man das Ziel auf dem Wasserwege erreichen. Endlich angekommen war jedoch beim Tauchen kein Fischschwanz zu entdecken. Später erfuhr der Referent, dass Goldgräber flussaufwärts gesichtet worden waren. Das von diesen genutzte Quecksilber hatte in diesem Teil des Flusses anscheinend alles Leben getötet.

Trotz dieses Wermutstropfens hatten wir einen gelungenen Abend. Einen derartigen Ausblick in die Regionen der Erde, aus der viele unserer Pfleglinge stammen und in die nur die wenigsten von uns selbst reisen werden, sollte man sich nicht entgehen lassen. H. G. Breidohr hat uns in seiner lockeren angenehmen Art nicht nur unterhalten, sondern auch viel Wissenswertes vermitteln können. Ich hatte den Eindruck, dass einige der Anwesenden ihren nächsten Urlaub überdachten und vielleicht ihr Reiseziel ändern werden.

Uwe Perkuhn